DIE KUNST, NICHT FERTIG ZU SEIN
Was, wenn Menschen nicht repariert werden müssen? Wenn das, was wir so herkömmlich Probleme nennen, keine Defizite sind, sondern Teil eines lebendigen Prozesses? Heiko Sennert arbeitet als systemischer Coach – mit genau diesem Menschenbild.
"Manchmal reicht Raum für ein Gespräch", sagt er. "Manchmal ist die Lösung schon da, und die Person muss nur hören, was sie selbst sagt." Keine Abo-Modelle. Keine Pakete. Keine künstliche Verknappung. Kein "Buche noch heute - es sind nur noch drei Plätze frei!"
Heiko, Anfang 50, aus Unterfranken mit südhessischem Migrationshintergrund, arbeitet anders als so manche seiner Kollegen. Und er spricht anders über seine Arbeit.
In einer Zeit, in der psychologische Ratgeber mit klaren Anleitungen, Optimierungsversprechen und messbaren Outcomes boomen, wirkt er fast wie ein bewusster Gegenentwurf. Er beschäftigt sich weniger mit der Frage, wie Menschen besser funktionieren, sondern vielmehr damit, warum sie glauben, es zu müssen.
Das Geschäftsmodell Abhängigkeit
Die Coaching-Industrie in Deutschland macht geschätzt 2,5 Milliarden Euro Umsatz im Jahr. Tendenz: steigend. Das Geschäftsmodell vieler Anbieter: langfristige Bindung. Session-Pakete. Gruppen-Programme.
"Viele Coaching-Konzepte funktionieren wie eine Payback-Karte", sagt Heiko. "Du sammelst Stunde um Stunde, und es findet sich immer wieder etwas, das aufgearbeitet, geheilt, aufgelöst werden muss. Am Ende hast du genug Punkte für eine Gratis-Session. Jackpot!"
Er lacht.
Heiko kennt die Branche von innen. Er hat viele Programme gesehen, die Menschen über Jahre binden. Die suggerieren: "Wenn du jetzt gehst, bist du noch nicht fertig." Die das Gefühl vermitteln "Wenn du das hier nicht hinbekommst, bekommst du gar nichts hin". Die Zweifel als "Widerstand" umdeuten. Die finanzielle Investition als "Commitment" verkaufen.
"Das ist kein Coaching", sagt er. "Das ist das, was ich liebevoll mind-fuck nenne."
Er erzählt von Menschen, die zehntausende von Euro in ein Coaching-Programm investiert haben. Die sich verschuldet haben. Die dachten: "Wenn ich nur genug investiere, muss es ja funktionieren."
"Sunk cost fallacy", sagt Heiko. "Das Geld ist weg. Die Zeit ist weg. Aber deine Zukunft ist nicht weg."
Aber es gibt noch eine subtilere Form der Manipulation, über die Heiko spricht: spirituelles Bypassing. Die Tendenz, innere Konflikte, Erschöpfung oder Schmerz mit positiven Narrativen, Affirmationsroutinen, haltlosen Manifestationsexzessen oder anderen spirituellen Konzepten zu überdecken.
"Akzeptanz ist nicht das Ergebnis harter innerer Arbeit", sagt er. "Akzeptanz ist der Moment, in dem wir aufhören, uns ständig reparieren zu wollen."
Systemisch statt schnell
Heikos Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von systemischer Theorie, klassisch westlicher und buddhistischer Psychologie, achtsamkeitsbasierter Praxis und gesellschaftskritischer Beobachtung. Dabei verzichtet er auffallend auf schnelle Lösungen. Stattdessen richtet er den Blick auf Prozesse, auf Beziehungsmuster und auf die innere Dynamik, die entsteht, wenn Menschen zwischen Anpassung, Selbstanspruch und dem Wunsch nach Authentizität navigieren.
"Die meisten Menschen, die zu mir kommen, wollen schnelle Lösungen. Einfach weil sie ihr Leid schon viel zu lange aushalten", sagt er. "Sie wollen gesehen werden. Sie wollen verstanden werden. Sie wollen mal nicht funktionieren müssen."
Seine Methode: Zuhören. Perspektiven wechseln. Raum geben. Manchmal tatsächlich auch: Nichts tun.
"Manchmal ist der radikalste Akt, ein Problem einfach eine Weile zu behalten", sagt Heiko. "Wir leben in einer Kultur, die keine Probleme duldet. Aber nicht jedes Problem braucht sofort eine Lösung. Manche brauchen schlicht Zeit."
Er versteht Entwicklung nicht als linearen Prozess, der in Stein gemeißelten definierten Zielen folgt, sondern als dialogisches Geschehen: zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen biografischer Prägung und aktuellen Anforderungen, zwischen Autonomie und Zugehörigkeit.
"Weltenresonanz" nennt er das – Wirklichkeit entsteht subjektiv, durch Wahrnehmung, Beziehung und Interpretation.
Das widerspricht dem Zeitgeist. Schnelle Lösungen verkaufen sich besser. "5 Schritte zum Glück" klicken besser als "Vielleicht dauert das doch etwas länger, als du denkst."
Aber Heiko interessiert sich nicht für Klicks. Er interessiert sich für Menschen. Für Menschen mit "verknoteten Lebensläufen", wie er sagt. Menschen, die zuweilen gscheit gescheitert sind. Neu angefangen haben. Die nicht wissen, wo sie mit sich selbst hinwollen.
Menschen, die nicht perfekt sein wollen. Die einfach sie selbst sein wollen. Wer immer das auch sein mag.
Auf seiner Website gibt es keine Erfolgsversprechen. Keine Garantien.
"Wie auch?" lacht Heiko. "Ich bin ja kein Lösungsverkäufer. Ich bin eine Leidplanke. Jemand, der da ist, während du selbst hinschaust."
Das klingt bescheiden. Aber es ist eine klare Positionierung. Und es schreckt vielleicht manche Klient:innen ab. Wer schnelle garantierte Erfolge erwartet, wird hier nicht fündig.
"Jeder Mensch bringt sich selbst mit", sagt er, "und jeder Mensch hat seine ganz eigenen Prozesse, in seiner ganz eigenen Zeit - es gibt hier keine Schablonen. Nur dich, das was du bist, das was du willst und das, was du brauchst, um dorthin zu gelangen. Und dieser Weg ist nun mal so einzigartig, wie du selbst."
Wer ein "System" sucht, das sein Leben in 12 Wochen transformiert, ist hier falsch. Wer jemanden sucht, der ihm sagt, was er tun soll – auch.
In seiner Begleitung arbeitet er mit Resonanz statt mit Katalogen. Die Deutungshoheit bleibt beim Gegenüber. "Ich trage die Verantwortung für den Rahmen, nicht für das Ergebnis."
Achtsamkeit ohne Esoterik
Heiko ist zertifizierter Achtsamkeitstrainer und Meditationslehrer. Seine Wurzeln liegen in Advaita Vedanta, Zen und Vipassana. Aber er redet nicht von "Manifestation" oder "Quantensprüngen". Er redet von Präsenz. Von Akzeptanz. Von dem, was ist.
Haltung, Ausrichtung und Bewegung sind zentrale Säulen seiner Arbeit.
"Achtsamkeit ist kein spirituelles Konzept", sagt er. "Es ist Haltung. Du bist da. Für das, was jetzt gerade ist. Nicht für das, was war. Nicht für das, was sein könnte. Für: jetzt."
In seinem Ansatz ist Achtsamkeit kein Selbstzweck. Sie wird nicht als Technik zur Leistungssteigerung eingesetzt, sondern als Einladung zur Kontaktaufnahme mit dem eigenen Erleben – auch dort, wo es widersprüchlich, unbequem oder diffus bleibt. Gerade in diesen Zonen des Nicht-Wissens sieht er ein psychologisch relevantes Potenzial: für Selbstmitgefühl, für echte Wahlfreiheit und für eine weniger normierende Sicht auf persönliche Entwicklung.
"No brainer Momente", nennt er das. "Momente, in denen der Verstand einfach mal die Klappe hält."
Das Geschäftsmodell Ehrlichkeit
Heikos Rebellion ist keine laute. Es ist keine Marketing-Revolution. Es ist eine soziologische. Er lehnt Klienten ab, wenn es ggf nicht passt. Er verkauft keine Pakete, weil er nicht weiß, wie viele Sessions jemand braucht. Wer nach drei Gesprächen nicht mehr kommt, bekommt keine Nachfass-Mail mit "LOS! Lass uns weitermachen! Das ist nur dein Widerstand, der dich am wahren Wachstum hindert" - Bullshit.
"Ich arbeite mit Menschen, die bereit sind, selbst Verantwortung zu übernehmen", sagt Heiko. "Ich kann keine Probleme lösen. Ich kann nur dabei sein, während du deine eigenen Antworten findest. Dafür musst du sie aber finden wollen."
Das ist radikal ehrlich. Und wirtschaftlich unkonventionell. Denn wer Klienten nach drei Sessions sagt "Du brauchst mich nicht mehr - geh spielen!", verzichtet auf kurzfristige Gewinnmaximierung.
"Ja", sagt Heiko. "Aber damit kann ich nachts blendend schlafen."
Das ist keine romantische Pose. Das ist Kalkül. Während andere Coaches auf Volumen setzen, setzt Heiko auf Reputation. Während andere auf Bindung setzen, setzt er auf Beziehung – und dadurch auf Weiterempfehlungen. Und während andere in Werbung investieren, investiert er in Integrität.
Es funktioniert. Nicht durch aggressive Akquise. Sondern durch Menschen, die sagen: "Geh zu Heiko. Der verarscht dich nicht."
Auffällig ist auch Heikos Sprache. Sie ist bewusst alltagsnah, manchmal ironisch, gelegentlich fragmentarisch. Damit entzieht sie sich der klassischen Expertenpose und betont die gemeinsame Menschlichkeit zwischen Begleiter und Klient.
Heiko Sennert verdient nicht weniger als seine Kollegen. Er verdient nachhaltiger. Seine wirtschaftliche Entscheidung zahlt sich aus – nicht in schnellem Umsatz, aber in Vertrauen. In Reputation. In dem, was Menschen weitergeben.
Er steht für eine Haltung, die in der aktuellen Psychologie an Bedeutung gewinnt: Entwicklung als Beziehungsgeschehen, Gesundheit als dynamisches Gleichgewicht und Reife als Fähigkeit, Ambivalenz auszuhalten.
Nicht fertig zu sein erscheint in diesem Licht nicht als Defizit – sondern als zutiefst menschliche Kompetenz.
Und vielleicht ist das, in einer Branche voller Versprechen, das wertvollste Geschäftsmodell von allen.
Heiko Sennert arbeitet als systemischer Coach, Achtsamkeitstrainer und Meditationslehrer in Unterfranken. Mehr unter: www.bq-sennert.de
~ von Maxime Musterfrau