Es ist ganz und gar unsinnig, irgendetwas vermeiden oder verdrängen zu wollen
Warum überhaupt neigt der Mensch zum Vermeiden und Verdrängen?
Dieser Frage nähern wir uns am besten, indem wir uns mal ansehen, was so den lieben langen Tag – mitunter ganze Leben lang – verdrängt und vermieden werden will.
Schmerz zum Beispiel. Oder Angst. Oder Scham. Also versucht das Menschenwesen, potenzielle Fehler im System zu vermeiden. Und wenn sie schon gemacht wurden, dann sie zu verdrängen. Dieses zarte Wesen Mensch, das sich nichts sehnlicher wünscht, als sich sicher und gut zu fühlen, verstaut erfahrenes Unwohlsein und lässt es in einer Schublade versauern. Und das wird es, damit kannst du getrost rechnen. Es wird sauer.
Es wird sich nicht gesehen fühlen. Und dann wird es sich andere Wege suchen. Welche, die dir nicht bewusst sind. Du wirst Verhalten an den Tag legen, bei dem du dir selbst so denkst: „Hä?!“
Alles, was dich schlecht fühlen lässt, hat gute Chancen, dass es in die Kategorien „Vermeiden“ oder „Verdrängen“ eingeteilt wird.
Schublade auf, Schublade zu. Und das macht das Hirn ja nicht aus Böswilligkeit und auch du stellst dich ja nicht hin und sagst: „Ey, die Guten ins Gröpfchen, die Schlechten ins Töpfchen.“ Mitunter haben wir da gar nicht abschließend die Entscheidung zu treffen. Das macht das menschliche Hirn auf Autopilot. Es ist so programmiert. Pack weg, die Scheiße. Soll sie wo stinken, wo man es nicht riechen kann.
Es gibt auch diese Fälle, da ist das Verdrängen eine Überlebensstrategie. Da ist das Gefühl von Schmerz und Leid so derartig mächtig, dass es einem unmöglich erscheint, darüber hinweg zu kommen. Auch darüber hinwegsehen ist keine Option. Das MUSS weg. Das sind Fälle, die entweder ein Leben lang verschüttet bleiben oder die größtmöglich liebevolle und professionelle Begleitung verdient haben, sie zu bergen und zu befrieden.
Ich will aber auch alle anderen Fälle nicht klein reden. Diese Gefühle von Angst, von Schmerz, von Scham, von Schuld [füge hier ein, was dir noch einfällt]… die sind für die empfindende Person real und erscheinen unverarbeitbar.
Es kann ja auch funktionieren, sie wegzusperren.
Meist aber nur, bis zu einer Situation, in der man unter Stress gerät. Da fallen auf einmal die Filter. Und dann sind sie da, diese Verhaltensweisen, die du dir selbst nicht so richtig erklären kannst, oder die Tatsache, dass du dich immer wieder in vergleichbar unschönen Beziehungsmustern wiederfindest. Ist dann auch nicht schön. Aber nachdem sich das jetzt schon so fein etabliert hat mit dem Verdrängen/Vermeiden der Emotionen, siehst du über das Herausbrechen anderer einfach hinweg. Wut, Traurigkeit, Hilflosigkeit. Oder – eine weitere Strategie – du versuchst auch die zu vermeiden oder zu verdrängen.
Interessant, nicht wahr?
Kannst du erkennen, wie sich das stapelt? Kannst du fühlen, wie sich das auftürmt zu diesem mehr und mehr unüberwindbaren Berg? Und das Zugestehen der Tatsache, dass da einfach etwas drunter liegt, an das du nicht dran willst oder kannst, das setzt nur noch einen drauf.
Hör mal: Steig mal auf diesen Berg für einen Moment. Steig da hoch, setz dich einem Moment hin und atme durch. Genieße die freie, weite Sicht, die frische Luft. „Steig auf den Berg aus Dreck, weil oben frischer Wind weht“ (Peter Fox, Mach neu).
Das fällt dir vielleicht nicht ganz leicht. Ich anerkenne deinen Berg und deinen Weg und dich. Tu dir jetzt nur noch einen Gefallen: Dreh dir keinen Strick draus, wenn du gerade bemerkst, dass du da Dinge verdrängt und vermieden hast. Jeder einzelne Mensch tappt im Laufe eines Lebens in diese Falle. Mehrfach. Ich bin das beste Beispiel für: Ich mache Fehler mehrfach im Leben, um zu prüfen, ob es wirklich Blödsinn ist.
Wenn es gut läuft – und das tut es oft – dann bemerken wir Menschen das. Und dann bringen wir diesen wunderbaren, unglaublichen Mut auf, einzusehen, dass diese Strategie mit dem Vermeiden und Verdrängen einfach nicht gut funktioniert. Alles will gesehen und anerkannt werden. So wie jeder Mensch so auch jedes Geschehnis und alle damit verbundenen Emotionen.
Die Angst davor, zu sagen, was man eigentlich wirklich denkt.
Der Schmerz, der mit jedweder Art von Gewalt verbunden ist, auch psychisch, nicht nur körperlich.
Die Scham, weil man Fehler gemacht hat im Leben.
Es ist nicht möglich, sie einfach wegzubekommen.
Die tauchen nur ab. Das scheint auch vordergründig sicher zu sein. Ist aber ein bisschen wie Methangas unter dem Meer. Manchmal kommt es nur in kleinen Blasen an die Oberfläche und das stinkt, ist aber noch nicht gefährlich. Wenn es aber zu großen Blasen kommt oder gar explodiert…
Im Menschenwesen, da ist auch stark. Und mutig. Und liebevoll.
Und ich wollte schon fast schreiben „es braucht nur hinsehen und anerkennen“. Aber dieses „nur“ ist völlig fehl am Platz. Es ist Größe, Anmut und so viel Wille zur Selbstfürsorge da drin. Kann man ja oft nicht gleich von Anfang an abschätzen, ob man da nur eine Schublade mit stinkigen Socken aufmacht oder die Büchse der Pandora.
Aber es lohnt sich. Denn allzuoft führt gerade Vermeiden/Verdrängen nur zu noch mehr Vermeiden/Verdrängen und Verstricken. Und manchmal zu völlig unkontrollierten Ausbrüchen – wo man doch von Beginn an nichts anderes wollte, als unter Kontrolle und sicher sein.
Worauf ich jetzt hinaus will?
Hm, gute Frage. Ich glaube, sich dessen bewusst zu sein, dass alles, was wir verstecken wollen, sich so oder so doch seinen Weg bahnt – bewusst oder unbewusst, maskiert oder nackig – das erleichtert auch. Und es macht das Hinsehen einfacher. Weil das Wegsehen eh nicht funktioniert auf Dauer. Es braucht zu viele Ressourcen, erschöpft und vereitelt genau das, was man eigentlich erreichen wollte.
Ich will auf Frieden hinaus.
Inneren. Und damit auf den mit allen und allem anderen.
Denn wenn wir fähig sind, den eigenen Schmerz, die Angst, die Scham, [Platz für weitere Emotionen, die dir noch einfallen] anzuerkennen, dann fällt es uns auch leichter, die der anderen anzuerkennen. Im Englischen gibt es ein geflügeltes Wort, das heißt „it takes one to know one“. Es braucht immer einen, um einen anderen zu erkennen. Und wir erkennen, was wir kennen. Und wenn wir andere in ihren Leben anerkennen, dann fühlen die sich wieder gesehen – statt verurteilt. Und das führt dann zu noch mehr Verständnis und Anerkennung. Und Frieden.
Ich will auf Frieden hinaus.
Und der beginnt mit Anerkennung, dass wir etwas Vermeiden und/oder Verdrängen. Und dass wir das alle tun. Alle Menschen tun das auf die ein oder andere Weise. Das klingt jetzt paradox, widersprüchlich. Das ist das Leben. Und niemand ist eine Insel, keiner ist damit allein – nicht wirklich.
Liebe ohne Ende,
Barbara
Hallo! Ich bin Barbara Sennert, systemische Coachin und philosophische Praktikerin, und ich begleite Menschen durch Krisen, Zweifel, Träume und verrückte Ideen – systemisch.
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