Ich bin eine einzige Ansammlung von Fehlern
Ich bin verletzlich. Ein bisschen kaputt hier und da. Ich funktioniere nicht gut. Es gibt unglaublich viele Dinge, die ich nicht gut kann.
Ich bin wie dieser unperfekte, knorrige Baum, dem schon mal Äste abgerissen wurden, in dessen Rinde irgendwer seine Initialen geritzt hat und dem der Wind schon zig Blätter ausgerissen hat, dem der Hagel schon selbige durchlöchert und Früchte vor ihrer Zeit genommen hat. Dieser Baum, dem in seine Narben im Winter die Nässe gezogen ist und sie hart aufgefroren hat. Ich bin wie dieser Baum, der mal keine Früchte trägt und im nächsten Jahr viel zu viele. Ich bin wie dieser Baum, der sein gesamtes Kleid abwirft, nur um es im nächsten Zyklus völlig neu zu erschaffen. Wieder und wieder. Auch wenn es auf den ersten Blick ganz genauso aussieht, wie das letzte.
Ich bin wie dieser Baum, der auch Sachen nicht kann: Nicht laufen, nicht schreiben und nicht rechnen. Ich bin nicht gerade gewachsen.
Ich bin verletzlich, meine Rinde ist weich, auf ihr sind zahllose Narben von Vögeln, von Wettern, von Käfern, von Menschen. Manche meiner Äste hielten Last und Zug nicht stand, manche meiner Wurzeln sind angefressen und faulig und es haben sich Nutznießer eingenistet in ihnen und in meiner Krone.
Ich bin ein Lebensraum. Wie dieser Baum.
Ich mache Probleme.
Und ich habe Verletzungen zu verantworten. Unter meinem Laubwerk sind schon Sprösslinge erstickt, da wachsen keine Wiesenblumen. Ich steh im Weg. Und der ein oder andere herabfallende Ast hat auch schon ein Lebewesen zerquetscht. Für manche seh ich nicht schön aus, bin zu klein, zu groß, zu krum, zu jung, zu alt.
Nun, ich bin, was ich bin. Wie dieser Baum.
Und ich bin ganz anders als dieser Baum.
Ich kann gut vorgeben, zu funktionieren. Ich kann gut so tun, als wäre alles in bester Ordnung. Ich kann darüber sinnieren, dass ich so einfach nicht in Ordnung bin. Ich trage Narben und Wunden mit mir herum und weiß sie geschickt zu verbergen und manchmal eben gar nicht und dann bricht es einfach aus mir heraus. Ich kann zu wenig sein und zu viel. Ich habe Löcher im Lebenslauf und in manchen Klamotten – liebevoll gestopft. Mit Reisen und Kindern und Nadel und Faden. Ich habe Zeiten durchlebt, die habe ich nur überstanden mit zu-lauter-Musik-Tanzen und Substanzen.
Ich habe Angst, mich zu zeigen.
Weil ich Angst davor habe, dass das, was ich denke und sage und tue, jemanden verletzen könnte.
Ich habe Angst, zu sagen, was ich denke, weil ich Angst habe, dass es negative Konsequenzen für mich haben könnte.
Ich habe Angst Raum einzunehmen, weil ich Angst davor habe, andere damit einzuengen, ihnen ihren Raum zu nehmen.
Ich habe Angst, Raum einzunehmen, weil ich Angst davor habe, dass Menschen missfallen könnte, was sie dann sehen.
Ich glaube, ich bin ein ganz normaler Mensch.
Dieser liebevoll fehlerhafte Zellhaufen, der in Summe so unfassbar perfekt funktioniert. Mein Herz schlägt. Ich atme. Was mein Blutkreislauf in Kooperation mit diesem Haufen Organen und Drüsen tatsächlich tut, das übersteigt absolut mein Verständnis und meine Vorstellungskraft. Meine Narben sind physisch und psychisch. Manche kann man sehen, manche spüren, manche nicht einmal vermuten. Meine Schmerzen waren immer echt. Und sie kommen und gehen, wie der Wind und die Wellen. Ganz ohne geht es nicht.
Ich bin eine Ansammlung von Fehlern.
Und genau diese Ansammlung genau der Fehler, die ich gemacht habe, die gibt es nur einmal. Faszinierend, oder?! Nichts und niemand im Leben könnte das reproduzieren. So unter den Myriaden von Blättern dieser Welt jedes einzigartig ist und keines dem anderen gleicht, könnte kein Mensch je einem anderen gleichen.
Es gibt unglaublich viele Dinge, die ich nicht gut kann.
Eine Faschistin sein zum Beispiel liegt mir nicht gut. Rassistin sein auch nicht. Ich kann manchmal die Welt nicht gut ertragen und die Menschen, die auf ihr wandeln. Ich kann nicht Klavier spielen und frei spielen liegt mir auch nicht besonders. Ich bin nicht sehr gut im Gärtnern und mache es trotzdem immer wieder. Manchmal tragen manche Pflanzen sogar Früchte, manche gehen ein – mit Vorliebe Zimmerpflanzen. Ich kann nicht Einrad fahren und keinen Spagat. Ich kann kein Chinesisch, kein Spanisch, kein Schwedisch, kein Tschechisch (und das, obwohl ich kaum zwei Stunden von der Grenze entfernt lebe…).
Während ich so davon schreibe, formt sich in meinem Geist ein Gedanke und er lautet:
„Das ist ok so.“
So bin ich. Und so war ich nicht immer. Und so werde ich sicherlich nicht bleiben. Das alles ist so veränderlich, mitunter flüchtig. Diese Persona, die sich definieren will über das, was sie kann, was sie schon gemacht hat, was sie meint, nicht zu mögen oder nicht zu können. Wofür ist das wichtig?
Ich weiß es nicht. Hatte ich schon erwähnt, dass es ungemein viele Dinge gibt, die ich nicht weiß?
Was soll`s. Is schon gut.
Liebe ohne Ende
Barbara
Hallo! Ich bin Barbara Sennert, systemische Coachin und philosophische Praktikerin, und ich begleite Menschen durch Krisen, Zweifel, Träume und verrückte Ideen – systemisch.
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