...von brennenden Häusern, leeren Akkus und dem Moment, in dem dein Handy dein Coach wird...

Neulich saß ich mit einem Wesen im Raum – nennen wir sie Anna. Sie wirkt, als hätte sie den halben Atlas auf den Schultern.

Beruflich steckt sie mitten in einem Bewerbungsprozess. Familie? Überall Erwartungen, die an ihr zerren. Beziehung? Noch größeres Fragezeichen. Und sie selbst? Findet gefühlt schon ewig nicht mehr statt.

Das offensichtliche Eingangsthema, mit dem sie kommt: „Ich habe das Gefühl, alles entgleitet mir. Ich kann nichts mehr steuern. Es ist einfach zu viel.“

Ihre Stimme bricht bei „zu viel“.

Ich sage nichts.

Atme.

Warte.

In solchen Momenten meldet sich gern der erste Impuls in mir. Ich sehe, dass sie schon so viel trägt. Sehe, dass es okay ist, wie sie sich fühlt. Höre, dass sie Großes leistet.

Aber ich sage es nicht. Es wäre nur meine Perspektive – und um die geht es hier halt gerade so überhaupt nicht.

#haltung

„Anna“, frage ich nach einer Weile, „wenn deine Situation ein Bild wäre – was wäre es?“

Es dauert einen Moment, bis sie spricht: „Ein Haus, in dem überall Feuer ist. Küche, Wohnzimmer, Dachboden – überall brennt’s. Und ich renne mit einem viel zu kleinen Eimer rum.“

Ich nicke.

„Und jetzt… lass uns was Schräges versuchen, wenn du Bock auf ein Spiel hast. Wenn dein Handy – dein eigenes Handy – auf all das schauen könnte, was würde es sagen?“

Anna lacht. Erst zögerlich, dann fast tief aus dem Bauch.

„Mein Handy?“

„Ja genau- dein Handy. Es kennt dich vielleicht besser als jeder andere. Ist meist in deiner Nähe und bekommt eigentlich alles mit. Was beobachtet dein Handy?“

Sie braucht einen Moment. Legt es schließlich auf den Stuhl neben sich.

„Jetzt wechsle gedanklich die Stühle." sage ich "Was siehst du?“

„Naja… wie viele Tabs ich gleichzeitig offen habe. Wie viele ungelesene Nachrichten da stressen. Wie oft ich nachts wachliege und nach möglichen Lösungen scrolle, um Ruhe zu finden.“

„Was würde es dir raten?“

#ausrichtung

Sie schaut ins Leere.

Die Schultern sinken ein kleines Stück.

„Es würde wahrscheinlich sagen: ‚Mädel, mein Akku ist leer. Ich brauche dringend einen Neustart.‘“

Wir lachen beide.

Stille.

Es sind genau diese Momente, die Stille brauchen – damit sich etwas aus sich selbst heraus entwickeln kann. Ohne, dass ich etwas vermeintlich Schlaues frage.

#bewegung

„Und es würde mir raten, endlich mal alle Apps zu schließen…“

„Alle?“

„Na ja… zumindest die, die ich gar nicht mehr nutze. Die, die mich nur nerven. Die, die ständig Push-Nachrichten schicken, meine Aufmerksamkeit wollen und mir mehr Stress als Freude machen.“

Und aus diesem Moment der völligen Absurdität heraus, verwickelt sie sich für eine kurze Weile in ein Zwiegespräch mit ihrem Handy. Schaut, welche ihrer „Lebens-Apps“ die meiste Energie ziehen. Welche nur noch da sind, um zu nerven. Welche sie eigentlich längst deinstallieren wollte. Und dampft ihren Speicher ein – auf das, was ihr wirklich nutzt.

Sie schüttelt den Kopf. Plötzlich wird ihr diese Situation bewusst. „Krass. Das klingt so logisch. Und es fühlt sich so lächerlich einfach an.“

„Wie fühlt sich das gerade für dich an?“

„Keine Ahnung… erschreckend leicht“, kichert sie.

„Wo spürst du das?“

„Mein Brustkorb. Der ist nicht mehr so eng.“

Und tatsächlich sieht sie jetzt anders aus.

Aufrechter. Freier.

Stille.

Ich könnte ihr jetzt erklären, was da passiert – dass ihr Nervensystem kurz durchatmet, dass ihr Gehirn einen winzigen Spalt öffnet für eine neue Sicht.

Aber ich lasse es.

Es reicht, dass sie es spürt.

Das ist der Zauber am Perspektivwechsel:

Er muss nicht logisch sein.

Im Gegenteil – je absurder, desto wirksamer.

Wenn wir den starren Ernst der Situation durch ein schräges Bild brechen, wird wieder Spielraum spürbar.Das Handy ist dabei kein „Tool“, kein „Trick“, keine Manipulation.

Es ist ein Spiegel ohne Moral.

Es sagt nicht „Du musst…“, es urteilt nicht.

Es öffnet nur eine leise Einladung: Hey, du könntest auch anders.

In der systemischen Praxis liebe ich solche Momente. Nicht, weil sie sofort alles lösen. Sondern weil sie den Raum weiten.

Plötzlich sieht der Mensch:

Da ist nicht nur eine Wahrheit. Nicht nur ein Narrativ. Nicht nur ein fester Standpunkt.

Es gibt Alternativen – und diese zu erkunden, kann sich anfühlen wie ein Spiel.

Perspektivwechsel sind wie das Lüften in einem stickigen Raum.

Sie wirbeln Staub auf.

Sie lassen frische Luft rein.

Und manchmal reicht schon dieser erste Atemzug, um weiterzugehen.

Am Ende bleibt für mich:

Die Absurdität einer Situation, von etwas Gesagtem, einer Ansicht, einer Meinung, einer scheinbaren Wahrheit wird manchmal erst durch einen Perspektivwechsel sichtbar.

Deshalb mag ich ihn so.

Er ist meine Einladung – an mich selbst und an die Menschen, mit denen ich arbeite:

Wechsle ab und zu den Standpunkt.

Betrachte dich und dein Leben „von außen“.

Mit der Neugier eines Kindes.

Mit der Milde eines alten Freundes.

Oder mit der schonungslosen Ehrlichkeit deines eigenen Handys.

be a rebel - change your POV

gratitude,Heiko

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Heiko Sennert
Ich bin auflösender Systemiker und Rebell, bin sowohl Sand als auch Öl im Getriebe der Systeme - je nach Tagesform und Sichtweise. Ich stelle Fragen, stelle in Frage und ich breche auf.
https://www.bq-sennert.de/heiko-sennert-1
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...vom "Oops! Wrong Planet!"-Syndrom, Küchen als Rückzugsort und der Frage, wer bitte "Normal Null" sein soll...

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DIE KUNST, NICHT FERTIG ZU SEIN