...von Zeugnis-Codes am Küchentisch, einem laminierten Blatt Papier und dem Unterschied zwischen bewertet werden und gesehen werden...

Gestern saß ich mit meiner Tochter am Küchentisch. Zwischen uns: ein Zwischenzeugnis.

Zweite Klasse. Keine Noten. Nur Worte.

„Überwiegend sicher." „Angemessen." „Meist regelgerecht." „Teilweise sauber."

Und ich merkte, wie mein Kopf kurz klickte.

Arbeitszeugnis-Modus. Nuancen-Scanner. HR-Feinjustierung.

Als systemischer Coach begleite ich, unter anderem, Menschen in beruflichen Umbruchphasen. Ich lese unzählige Arbeitszeugnisse. Ich weiß, was Formulierungen bedeuten können. „Stets bemüht." „Arbeitete mit Interesse." „Ein geselliger Kollege."…

Klingt vielleicht freundlich. Heißt aber oft: schwierig. Sind zeitweise tatsächlich Killer.

Ein einziges Wort kann Türen öffnen. Oder leise schließen.

Und für einen Moment dachte ich: “wtf!? In welchem Modus laufe ich denn hier gerade?”

Ich sehe sie an. Ich sehe sie. Das hier ist kein Bewerbungsprofil. Das ist meine Tochter.

Vergleich ist nicht das Problem. Identifikation ist es.

Schule ist kein Schonraum mehr. Vergleich beginnt früh und ist Dauerrauschen. Wer liest schneller. Wer rechnet weiter. Wer ist „schon weiter". Als müssten alle zur gleichen Zeit gleich gut sein.

Und hier sprechen wir noch nicht mal über die Vergleiche im sozialen Raum.

Wer mit wem? Wer auf keinen Fall mit wem, wegen X? Was ist “in”? Was “out”? Was genau ist hier eigentlich maximal cringe, Bro? Wer ist hier bitte lowkey peinlich unterwegs? Wer von euch ist hier grad komplett lost, Digga? Wer hat hier eigentlich Main-Character-Delusionen? Was war das bitte für ein Random-Move, dass du mit dem/der chillst?

Klar, soweit? (Sidenote: Mein Sohn hasst es, wenn ich so rede :D )

Ja, Vergleich ist menschlich. Wir lernen durch Abgleich.

Problematisch wird er, wenn er Identität frisst.

„Ich habe eine Vier" ist Information.
„Ich bin nicht gut genug" oder „Ich schaffe das nie" ist ein innerer Satz eine Identifikation mit einem scheinbaren Problem.

Zwischen diesen beiden Sätzen liegt Beziehung.

Wenn Leistung über Zugehörigkeit entscheidet, entsteht Leistungsdruck. Wenn Kinder erleben, dass ihr Wert unabhängig vom Abschneiden ist, entsteht Sicherheit.

Und Sicherheit ist die Grundlage für Lernen.

Kinder zerbrechen selten an Anforderungen. Sie zerbrechen an Isolation.

Ich begegne fast täglich Erwachsenen, die sich selbst lesen wie ein Zeugnis.

„Nicht belastbar genug." „Nicht durchsetzungsstark." „Nicht ausreichend."

Nicht die Mathearbeit war damals das Problem. Sondern das Gefühl, mit der Bewertung allein gewesen zu sein. Wenn Vergleich ohne Beziehung stattfindet, entsteht Druck. Wenn Leistung über Zugehörigkeit entscheidet, verengt sich etwas.

Deshalb ist Beziehung kein pädagogischer Luxus.
Sie ist psychologische Notwendigkeit.
Und ja – das gilt im Klassenzimmer, im Coachingraum, genauso wie am Küchentisch.

Unter dem offiziellen Zeugnis lag ein weiteres.
Klein. Von ihrer Lehrerin selbst gemacht. Laminiert.

„Dein wahres Zeugnis" stand darauf.

Keine Skalen. Kein Ranking.

Sondern dieser Satz:

„Besonders in Erinnerung geblieben ist mir, wie mutig du dein Gedicht vorgetragen hast – obwohl du vorher sehr nervös warst."

Und weiter:

„Du traust dir immer mehr zu und gehst mit deiner fröhlichen Art neue Herausforderungen an."

Meine Tochter kam ins Wohnzimmer.

„Schau mal, Papa."

Der Kopf hoch. Der Rücken gerade. Die Brust gehoben.

Das war kein Siegerstolz. Das war Würde.

Nicht: „Ich bin besser als die anderen."
Sondern: „Ich werde gesehen."

Heute beginnen die Ferien. Und sie freut sich auf die Schule danach.

Das ist der Unterschied.

Nicht weniger Anforderungen. Nicht weichgespültes „Alles ist toll".

Sondern Beziehung.

Eine Lehrerin, die versteht, dass Bewertung nicht alles ist.
Ein Kind, das merkt, dass es mehr ist als sein Abschneiden.

Menschen wie diese Lehrerin machen den Unterschied.

Wir können und sollten Schule nicht abschaffen. Aber wir können entscheiden, was wir ins Wohnzimmer lassen. Und wir könne entscheiden, ob wir Schule zu einem Ort machen, den die Kinder fürchten müssen.

Unser Life-Hack:
Bewertungen einordnen.
Ein Zeugnis ist eine Momentaufnahme.
Kein Persönlichkeitsurteil.

Den Prozess würdigen. „Was hat dir Spaß gemacht?" wirkt stärker als „Wo musst du besser werden?"

Vergleich entgiften. Andere sind schneller? Gut. Das ist Information. Kein Wertmaßstab.

Beziehung heißt nicht: Anforderungen abschaffen.
Beziehung heißt: Dein Wert steht nicht zur Verhandlung.

Ich sehe dich – auch wenn du nicht die Schnellste bist.
Ich bleibe – auch wenn du scheiterst.
Ich relativiere – wenn das System absolut setzt.

Vielleicht ist das unsere zärtlichste Form des System-Widerstandes.

Nicht gegen Lehrer. Nicht gegen Noten. Nicht gegen Leistung.

Sondern gegen die Idee, dass ein Mensch auf eine Bewertung reduziert werden darf.

Beziehung ist kein Gegenspieler von Leistung.
Sie ist ihr fckn Fundament.

Und manchmal reicht ein zweites Blatt Papier. Oder ein Vater, der merkt, dass er gerade beginnt, in Codes zu denken – und bewusst aussteigt.

Menschen machen den Unterschied. Lehrerinnen. Eltern. Wir alle.

be a rebel - bleib in Beziehung.

gratitude,
Heiko

Heiko Sennert
Ich bin auflösender Systemiker und Rebell, bin sowohl Sand als auch Öl im Getriebe der Systeme - je nach Tagesform und Sichtweise. Ich stelle Fragen, stelle in Frage und ich breche auf.
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Wenn du nicht konsequent bist, bist du selber schuld