Wenn du nicht konsequent bist, bist du selber schuld

Herzlich willkommen in der Leistungsgesellschaft.

Wenn du irgendwas erreichen willst in deinem Leben, dann musst du einfach nur konsequent sein. Kennt man ja aus der Kindererziehung: Kinder brauchen Grenzen und Konsequenzen, heißt es da.

Klappt nicht? Tja, Pech gehabt. Selber schuld. Biste halt zu schwach oder zu faul oder schlecht erzogen oder …

… das Ding mit dem Konsequentsein ist einfach FALSCH.

Konsequent ist einer dieser Begriffe aus dem wunderbar sortierten, vernünftigen und linearen wenn-dann Kosmos, den wir uns eingekauft haben, als wir uns dem Paradigma der Herrschaft der Vernunft unterworfen haben.

Seine Bedeutung ist dem lateinischen consequens entlehnt, welches soviel heißt wie „in richtiger Folge stehend, folgerecht, vernunftgemäß“, aber auch „nachfolgen, nachkommen, folgen, erfolgen, streng befolgen“. So nachzulesen auf dwds.de

Spätestens bei aktueller Weltlage sollte allerdings klar geworden sein, dass der Mensch nicht zwingend zur Vernunft neigt und dass vernünftig nicht unbedingt zu positiven Errungenschaften führt. Man sehe sich die Welt aktuell an. Vernünftig nach den Prinzipien des Marktes und des Patriarchats, der Oligarchie und so manchen Allmachtsphantasien ist da vieles. Gut ist es deswegen noch lange nicht. Darüber hinaus wird schnell klar, dass ein „in richtiger Folge stehend“ voraussetzt, dass irgendwer oder irgendwas dieses „richtig“ auch vorgeben muss – und der Rest dann brav folgt.

Außerdem hatten wir uns ja auch schon im letzten Artikel darüber Gedanken gemacht, wie gut sich Ursache und Wirkung einander zuordnen lassen – mitunter einfach gar nicht wegen streng vereinfachter Darstellung eines unglaublich komplexen Universums, in denen sich selbst die Physik nicht einig wird und allzu oft eine letzte Frage bleibt, die schlicht nicht wissenschaftlich zu beantworten sind.

„Folgen“ und „streng befolgen“, na, damit sind wir wahrscheinlich alle groß geworden. Und wenn man nicht gefolgt hat, dann gab es Konsequenzen. Die hatten mit der natürlichen Auswirkung der eigentlichen Handlung zumeist gar nichts zu tun und waren nichts anderes als Strafen für unerwünschtes Verhalten. Sitzt tief. Und wird traurigerweise auch heute noch sowohl in Elternhäusern als auch in Institutionen mit dem Auftrag, unsere Kinder zu begleiten und zu lehren, praktiziert. Wenn man genau hinsieht, wird man an unglaublich vielen Stellen fündig – auch in staatlichen Institutionen und auf der Arbeit. Furchtbar. Aber: Vernünftig, weil funktional. Und unglaublich erfolgreich über Jahrhunderte hinweg etabliert.

Konsequenz folgt einer Logik.

Der Konsequenz sehr nahestehende Freunde sind Druck und Zwang, Belohnung und Bestrafung.

Das geht so weit, dass wir, wenn wir etwas erreichen möchten oder verändern oder wenn wir unser Leben bewerten, so auch mit uns selbst umgehen. Wir setzten uns unter Druck, zwingen uns in Kalender, ToDo-Listen, fassen gute Vorsätze für neue Jahre, haben hart gearbeitet und belohnen uns mit Selfcare oder Party… erst die Arbeit, dann das Vergnügen a.k.a. work hard, play hard, versteht sich. Das haben wir uns jetzt wirklich verdient. Und wenn es nicht klappt: Sind wir gemein zu uns. Waren nicht gut genug, nicht fleißig genug, nicht konsequent genug… Im besten Fall kommen wir uns auf die Schliche und bemerken, dass hier irgendwas faul ist. Im schlimmsten Fall nehmen wir uns noch härter an die Kandarre. Mehr von dem, was nicht funktioniert hat – kennt man ja vom Grundschullehrplan. Mathe läuft nicht gut, Deutsch auch nicht. Na, dann streichen wir halt Sport und Kunst und machen mehr Mathe und Deutsch. Logisch, oder? Ne? Egal, machen wir trotzdem.

Ich habe es ja unglaublich gerne, wenn sich Menschen mit den Worten und deren Bedeutung befassen, die sie da nutzen und in deren Räumen sie leben. Denn das tun wir. Mit den Worten schaffen wir Vorstellungen von den Dingen, wie sie uns erscheinen. Und aus diesen Räumen heraus nehmen wir die Welt wahr und handeln ihnen gemäß. Und nur, weil sie gängig sind und weil wir die so gewöhnt sind und unser Verstand total auf Effizienz steht und ungern Ressourcen verbraucht damit, sich Gedanken darüber zu machen, ob das denn jetzt wirklich wahr und sinnvoll und gut ist und ob es vielleicht auch anderen Möglichkeiten gibt, sind sie weder in Stein gemeißelt noch in Beton zementiert. Sind sie nicht. Wirklich! Wir können Worte wählen. Wir können uns mit den Gemütslagen, die wir uns da kreieren, befassen. Wenn wir wollen.

Ich will das. Als ich das erste Mal einem Business Coach begegnet bin – das war vor 20 Jahren in Neuseeland – da sprach der von „consistency“.

Das finde ich auch heute noch so interessant, dass ich es dir als für dich vielleicht neues Konstrukt vorstellen mag. Ich betone: Es ist auch nur ein weiteres Konstrukt. Ganz ohne geht es vermutlich im Leben nicht. Die Frage ist nur, ob dir die Konstrukte, die du dir so baust, dienlich sind und sie stehen immer auch bereit zum Umbau, Neubau, Sanierung, Modernisierung – na, du weißt schon: Lass sie veränderlich bleiben, beobachte hinterfrage, bleib neugierig.

Also: Konsistenz.

Teig hat eine gewisse Konsistenz. Erde auch. Da geht es im Prinzip darum, ob der Zustand, in dem sich der Teig befindet, zu dem passt, was ich mit selbigem anstellen will. Mit einem Pfannkuchenteig mache ich einfach keinen Rührkuchen. Und im Lehm pflanze ich keine Tomatensprösslinge. Soweit, so klar. Wie lässt sich das jetzt auf unser menschliches Dasein übertragen. Oder Wasser. Bei um die null Grad kommt einfach kein Regen mehr, sondern Schnee. Und unter Null wird, was so weich und flüssig war, bockelhart und glatt.

Lasst uns wieder beim dwds und dem Ethymologischen Wörterbuch des Deutschen beginnen. Da steht:

konsistent Adj. ‘fest, dauerhaft, widerspruchsfrei’, entlehnt (18. Jh.) aus lat. cōnsistēns (Genitiv cōnsistentis), Part. Präs. von lat. cōnsistere ‘sich hinstellen, feststehen, bestehen’, zu lat. sistere ‘stehen, stellen’. Dazu die Abstraktbildung Konsistenz f. ‘Grad des Zusammenhangs eines Stoffes, Dichte, gedanklicher Zusammenhang’ (18. Jh.), entlehnt aus mlat. consistentia ‘Zusammenhang’.“

Man könnte sagen:

Kann mein Leben mit der Haltung, die ich so einnehme den lieben langen Tag, gut gedeihen?

Oder: „Kann ich mich hinstellen und sagen: Ja, passt!“?

Die Sache mit dem widerspruchsfrei, fest und dauerhaft, die würde ich an dieser Stelle für unsere Zwecke einfach fragwürdig da stehen lassen. Denn was ist schon dauerhaft und vor allem dauerhaft widerspruchsfrei. Aber ich finde, wir haben genug Substanz, um mit dem Rest der Definition zu arbeiten. Das sollte uns reichen für ein Leben jenseits der Konsequenz.

Konsistenz hat was mit Haltung zu tun.

Wie stehe ich zu den Dingen? Wer bin ich und wie gucke ich in die Welt hinaus? Offenbar hat Konsistenz laut Wortbedeutung auch was mit Dichte zu tun. „Bist du noch ganz dicht?“, wird hier also zur berechtigten Frage. Ich bin ja gerne bisschen durchlässig, ehrlich gesagt. Außerdem ist es die Frage von Dichte/Durchlässigkeit immer eben auch eine Frage des Einsatzes des Stoffes. Hier wird schon klar, dass es sich bei Konsistenz immer um eine relative Größe handelt. Etwas, das im Verhältnis zu etwas anderem steht. Ich gehe mit 1,71m Körpergöße nicht erhobenen Hauptes durch einen Durchgang, der nur 1,50m misst, nur weil ich konsequent erhobenen Hauptes sein will. Es geht um etwas, das sich je nach Konsistenz aus unterschiedlichen Verhältnissen der gleichen Zutaten zusammensetzt.

Kleines Beispiel zum Wert „Stärke“ – um mal zu verdeutlichen, wie schmal der Grad von Konsequenz und Konsistenz ist und warum es auf die Zutaten ankommt.

Bedeutet Stärke für dich Durchhalten um jeden Preis? Befolgst du streng deine Regeln um an ein bestimmtes Ziel zu gelangen? Hat Stärke für dich was mit Ausdauer zu tun? Bleibst du entschlossen und beharrlich auf Kurs?

Oder bedeutet Stärke für dich, der Situation entsprechend zu bestehen, dich zu ihr zu stellen – ganz gleich, ob das nun mit Ruhe und Rückzug oder Konfrontation geschieht.

Durchziehen auf Biegen und Brechen oder sich den Gesamtzusammenhang zu Gemüte führen und daraus etwas Passendes ableiten?

Kommen wir nochmal zurück zur Haltung:

Deine Haltung ist ein bunter Blumenstrauß deiner inneren Einstellungen, die dein Denken und Handeln prägt, sagt der Duden (sinngemäß versteht sich, da steht nix von Blumen).

Einstellungen sind laut selbigem Nachschlagewerk „Meinung, Ansicht, inneres Verhältnis, das jemand besonders zu einer Sache, einem Sachverhalt hat“.

Und das alles kommt von Werten.

Die wiederum kommen von Prägung. Aber Prägung wollen wir ja jetzt hier mal auf den Prüfstand stellen. Ich erinnere: Nur weil es immer so war und alle so machen und nur weil es ja auch irgendwie funktioniert, ist es noch lange nicht zwingend die beste Option. Nicht einmal, wenn es vernünftig erscheint.

Kennst du deine Werte?

Wie ist deine Haltung? Rein körperlich gesehen auf der einen Seite. Und in Bezug auf das Leben, das Universum und den ganzen Rest auf allen anderen Seiten.

Am Ende sind es Wortklaubereien. Aber wir brauchen Worte, um uns zu verständigen und um uns zu verstehen – auch uns selbst. Es ist von Bedeutung, was die Konzepte, die wir in Worte kleiden und die wir mit uns herum tragen, für uns bedeuten. Also selbst wenn das, was du hier gelesen hast, nicht zu 100% deine Zustimmung erfährt, machst du dir jetzt Gedanken über deine Konzepte. Über deine Werte. Über das, was diese Werte für dich bedeuten, Und nur darum geht es. Du musst mir nicht zustimmen und du musst nicht, nur weil du dich einmal auf etwas festgelegt hast, dabei bleiben bis ans Ende aller Tage – schon gar nicht, wenn es dich unglücklich macht.

Vor allem aber brauchst du nichts in der Welt hinterherhetzen oder alles über Bord zu werfen.

Du kannst hier und jetzt mit deiner inneren Welt beginnen.

Ganz in Ruhe und wohlwollend ganz ohne Rotstift deinem bestehenden Set an Vorstellungen und Konzepten begegnend.

Wir haben mal ein schönes Arbeitspapier gemacht zum Thema Werte. Das kannst du dir hier runterladen und einfach mal anfangen.

Liebe ohne Ende,

Barbara

Barbara Sennert
Krafttier Faultier. Zaunreiterin. Reichlich Abenteuerlustig.

Meine Lieblingsfragen im Leben waren schon immer „Wer bin ich?“ und „Was tu’ ich hier?“.

Mein erster Blog titelte “Her mit dem schönen Leben!”.

Mit mir lässt sich gut tanzen und bis zum Morgengrauen durchquasseln über Gott und die Welt. Mit mir lässt sich auch gut wüten und zürnen. Ich mag Tacheles - offen, ehrlich und gerade heraus. Auf jeden Fall ist mit mir gut ankommen. Nicht erst, wenn... dann… Sondern jetzt gleich hier!

https://www.bq-sennert.de/barbara-sennert
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...von Zeugnis-Codes am Küchentisch, einem laminierten Blatt Papier und dem Unterschied zwischen bewertet werden und gesehen werden...

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Muss ich wissen, was zu tun ist, bevor ich beginne?