Muss ich wissen, was zu tun ist, bevor ich beginne?
oder: Ungewissheit ist kein Fehler im System
Etwas in mir will schreiben und etwas in mir weiß nicht, was. Und dann steht da eine herrliche Frage im Raum herum, die heißt:
Muss ich wissen, was zu tun ist, bevor ich beginne?
Lass uns die Frage weiter beobachten. Wo führt sie hin?
Vor einer Tat steht ein Impuls – ein bewusster Gedanke oder ein unbewusster Affekt. Ausgelöst durch einen Reiz von außen oder von innen.
Ich habe den Impuls zu schreiben. Manchmal verspüre ich den Impuls, die Welt zu retten. Und wieder ein anderes Mal reagiere ich völlig affektiert als reine, ungefilterte Reaktion auf eine Aktion, die mich sanft berührt oder hart getroffen hat. Das muss gar nicht durch eine Person initiiert sein, das kann auch leicht eine Erinnerung schaffen, die scheinbar völlig aus der Luft gegriffen daherkommt.
Wieviel wovon ist überhaupt kontrollier- und steuerbar
Und wo kommen diese ganzen Impulse den lieben langen Tag überhaupt her?
Selbst wenn wir uns an dem Gefühl labten, wir hätten alles im Griff: Wieviel dessen, was bei der Reaktion auf einen Reiz herauskommt, unterliegt tatsächlich unserer Kontrolle? Warum löst der vermeintlich gleiche Reiz heute eine andere Reaktion aus als in drei Wochen? Und bei dem einen Menschen eine ganz andere als bei dem anderen? Und was hat das Wetter damit zu tun?
Unsere westlich zivilisierten Gesellschaften leben seit langer Zeit im Rahmen der Vorstellung von Ursache und Wirkung. Vielleicht verehren wir deswegen die Technik so sehr. Die ist berechenbar. Das gibt einem das Gefühl von Sicherheit. Input A → Output A. Aber auch spirituelle Konzepte hegen diese Regel wie ein unumstößliches Naturgesetz. Karma zum Beispiel oder die Hermetik. Die Wissenschaft hat das noch munter verstetigt. Experimente haben ganz klare Regeln für ihren Aufbau, damit die Ergebnisse als tragbar gelten. Etwas, das getan wird, muss am Ende zum gleichen Ergebnis führen. Vereinfacht: Wenn ich Farbe in ein Wasserglas gebe, dann färbt sich das Wasser. Isso. Jedes einzelne Mal. So weit, so klar – bzw. eher bunt im Falle des Wassers und der Farbe.
Das ist ein ganz einfacher Versuchsaufbau. Aktion → Reaktion.
Unser Verstand ist sehr auf Nachvollziehbarkeit und Effizienz bedacht.
Er mag einfache, klare Wege von A nach B. Das erscheint uns einleuchtend. Und das stresst nicht unnötig wegen Komplexität. Na, dann integrieren wir das besser mal in alle möglichen unserer Lebensbereiche: Wenn A, dann B. Auf Ursache folgt Wirkung. Klar, einfach, logisch.
Und das funktioniert ja auch. Wenn ich mich so umsehe in der Welt, dann reproduzieren sich die immer gleichen Phänomene. Auf die immer gleiche Weise. Ich gehe arbeiten, dafür bekomme ich Geld. Ich hänge das Vogelfutter im Garten auf und die Vögel kommen zu essen. Ich fühle mich verletzt und reagiere angepisst. Ein Despot will Macht und Status und unterdrückt und beutet aus bis hin zum Exzess. Die da oben bestimmen alles, da kann ich eh nichts tun.
Aber können wir wissen, dass das immer so sein muss?
Oder nehmen wir das nur so hin, weil uns unser Verstand vorgaukelt, dass er so viele Vergangenheitsdaten hat, auf die er seine Beweisführung stützt, dass das unweigerlich so sein muss. Könnten seine Daten denn je vollständig sein?
Wenn wir nun annehmen, dass es weder immer so ist noch je so bleiben muss… was braucht es dann? Wie lässt sich der Verstand auf neue Wege ein? Oder vielleicht muss man ihn auch einfach hie und da ein bisschen überlisten.
Lass mich dir ein experimentelles Beispiel bauen, in das du dich mal reinsetzen kannst.
Szenario eins:
Du bist Mensch. Du bist Krone der Schöpfung. Mach dir die Erde Untertan.
Szenario zwei:
Du bist Mensch. Du unterscheidest dich in deinem Wesen überhaupt nicht vom Rest der Schöpfung. Du bist die Natur, in der du lebst. Alles ist aus dem gleichen Stoff gemacht und steht in andauernder Wechselwirkung. Wir bestehen zu 60% aus Wasser und atmen täglich 11.000 Liter Luft ein und aus.
Szenario drei:
Du bist Mensch. Unter euch in dieser Menschheit gibt es Klassen. Es gibt Herrscher und Beherrschte. Die Eliten bestimmen über die Welt. Du kannst überhaupt nichts ausrichten.
Szenario vier:
Du bist Mensch. Die Welt ist, wie sie ist. In jedem Moment liegt das volle Potenzial aller Möglichkeiten. Es gibt kein entweder/oder. Alles ist möglich zu jeder Zeit. Jeder deiner Gedanken, jede deiner Empfindungen, jede deiner Handlungen ist von Bedeutung. Auch wenn du nicht überschauen kannst, welchen Einfluss sie im großen Ganzen haben. Du bist Teil eines großen Ganzen, welches du gleichermaßen in dir trägst.
Was hast du empfunden? Geh gern nochmal jedes Szenario durch.
Alle diese Szenarien sind wahr und sind es nicht.
Es ist unsere Sicht auf die Dinge, unsere Haltung gegenüber uns in der Welt und der Welt an und für sich ist von Bedeutung. Sie macht einen Unterschied.
Welchen? Na, spür gern nochmal die Szenarien durch? Welche Unterschiede kannst du feststellen? Was verändert sich?
Wir können und wir müssen gar nicht en détail Wissen, was sich wie auswirkt.
Alles, was wir wissen sollten – was DU wissen solltest – ist:
Du bist von Bedeutung.
Die Art, wie du in dich siehst, wie du dich in der Welt verortest und welche Annahmen du über die Welt hast, verändert einfach alles. Deine Gedanken, deine Worte, deine Handlungen, deine Empfindungen.
Auch wenn du nicht weißt, nicht wissen kannst und auch nicht musst, wie es sich entfaltet. Ich sage bewusst nicht „auswirkt“, weil das wieder implizieren würde, genau einer deiner Gedanken wäre die Ursache für eine bestimmte Wirkung.
Naja, und vielleicht ist das ja auch gar nicht falsch. Du bewirkst ja, du wirkst. Aber es ist möglicherweise schlichtweg nicht alles und schon gar nicht ist ein Gedanke, ein Wort, eine Handlung isoliert.
Es besteht die Möglichkeit, beides ist gleichzeitig wahr: „Es gibt ein Prinzip von Ursache und Wirkung“ und „Alles ist Chaos“ –
jeder Moment enthält alles Potenzial.
Du kannst mit dem freundlichsten Lächeln und der wohlwollendsten Haltung trotzdem auf die mieseste Laune stoßen und sie nicht ändern können. Macht dir das dann schlechte Laune? Oder wärmt dein Lächeln und deine Haltung dich selbst? Selbst du kannst das hier und jetzt nicht beantworten, weil es mal so sein wird und mal anders und weil du mal schneller reagierst, als du denken kannst und mal den Raum findest für ein „ok, weiter geht`s“.
Dinge nicht zu wissen ist kein Fehler im System. Wir müssen nicht mehr wissen, um die Welt zu bewegen. Und wir werden auch im Wissen keine abschließende Lösung für alles mögliche finden. Wissen ist logisch. Wir Menschen und unsere Mitwesen auf diesem Planeten sind es nicht. Zumindest nicht durchgängig. Wissen ist etwas, das auf Daten aus der Vergangenheit beruht. Und wenngleich uns das informiert, wird es doch nicht unsere Zukunft formen in einer genuin neuen Art. Es wird die Vergangenheit reproduzieren.
(By the way ist das auch genau so, wie LLMs, sog. KI funktioniert)
Was passiert, wenn wir uns auf Nichtwissen, auf Ungewissheit einlassen?
Es besteht die Chance, wir bleiben neugierig. Wir hinterfragen. Wir staunen. Möglicherweise experimentieren wir, probieren aus, verwerfen, probieren anderes.
Denn wenn wir nicht wissen, wie es wird… na, könnt ja auch gut werden, oder?
Wenn wir nicht wissen, wie es wird und wenn das keiner tut, was könnten wir dann je falsch machen?
Fang einfach an. Aber vorher lade ich dich ein, nochmal zu den Szenarien zurückzugehen und deine Haltung zu hinterfragen, deine Weltsicht und deine Sicht darauf, wie von Bedeutung du wirklich bist.
Wenn wir nicht wissen, wie es wird… na, vielleicht retten wir ja doch die Welt.
Liebe ohne Ende,
Barbara