Aufstehen, Funktionieren, Einschlafen

Und dann wieder von vorn.

„Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen,“ sagte einst Astrid Lindgren. Ich mag das. Wenn da einen Moment lang einfach nix muss. So wie jetzt gerade. Ich sitze vor einem Artikel, der nicht geschrieben werden muss. Und ich sitze da und schaue aus dem Fenster. Es regnet. Aus der Regenrinne, die ab Frühjahr wieder in den Wasserspeicher läuft, rinnt das Wasser über selbigen, an den sie sich in den Wintermonaten lehnt. Die Meisenknödel sind nass. Ich höre Autos vorbeifahren, die ich nicht sehen kann, der Kater kommt von einem Streifzug zurück. Dem mache ich jetzt mal die Tür auf.

Und schon war es das mit dem dasitzen und vor mich hinschauen. Wenn ich schon stehe, gehe ich geschwind mal ins Bad. Und dann bekommt der Kater Futter. Der Sohn erzählt mir was zwischendurch.

Ich könnte solche Momente durchaus häufiger haben – also die mit dem Sitzen und Schauen.

Aber ganz ehrlich und ungeschminkt: Möglicherweise habe ich die voll oft und lasse sie verstreichen, lenke mich ab von den unendlichen Weiten des „nichts muss“. Ich finde allzu schnell was zu tun: Die Wäsche in die Waschmaschine oder raus aus der Waschmaschine, die Spülmaschine ein- oder ausräumen, mal durchsaugen, was lesen, was lernen, was nähen, was putzen oder meine Nase ins Smartphone stecken… oder einen Artikel schreiben. Und wenn ich jetzt noch wirklich wirklich ehrlich bin, ist das Smartphone oft der Killer jeglicher freier Momente. Nur mal schnell den Kopp zu machen und bisschen Infos konsumieren – zack, Zeit rum.

Für den Moment jetzt war`s eh erst mal vorbei mit dem Schreiben. War abgelenkt. Habe alte Stoffe für Putzlappen zugeschnitten, während ich mit dem Kind am Tisch saß und ihr beim Hausaufgaben machen Gesellschaft leistete.

Irgendwie fühlt sich das ganz oft so an: Abgelenkt.

Meine Aufmerksamkeit ist wie ein Rudel Flöhe mitten in einem Rudel reudiger Hunde. Immer in Bewegung, immer was los … Hü-hüpf.

Ich mache jetzt eine Pause vom Schreiben. Vielleicht finde ich ja irgendwo den roten Faden wieder.

[einige Zeit später am selben Tag] Tu ich nicht. Frag mich lieber, was ich jetzt als nächstes „Sinnvolles“ tun könnte. Einfach nur da sitzen und schauen. Wie romantisch! Wie beruhigend! Wie unglaublich unnütz! Kann man doch nicht: einfach so unnütz rumsitzen. Wo soll das denn hinführen? Das braucht doch wenigstens ein Ziel!

Offenbar scheint mir doof im Handy rumglotzen immer noch als nützliche Ausrede, nix zu tun, da lese ich wenigstens was, informiere mich über die Weltlage oder über Schnittmusster und Näh-Hacks. Die Sache mit dem Nähen ist gerade nur so präsent, weil ich kurz davor stehe, wieder eine eigene Maschine zu besitzen und da kann ich ja jetzt schonmal unglaublich viel Zeit mit Ideengenerierung verbringen, oder?

Und so ziehen die Momente dahin und mit ihnen die Stunden, die Tage, die Wochen.

Ziehen dahin und künden von… nichtsnützigen Kleinigkeiten und wildem alltäglichen Funktionieren. Aufstehen, Funktionieren, Einschlafen. Wiederhole. Weil funktional sein irgendwie ja auch daseinsberechtigt. Ich erfülle eine Funktion. Kümmere mich hierum und darum und Löffelstiel. Mache zumindest den Anschein, ein nützlicher Teil dieser Gemeinschaft zu sein. Fühle mich dabei in x% der Momente rein gar nicht erfüllt oder lebendig sondern tendenziell eher hohl und leer. Nicht, dass alles immer voller Sinn und Leben stecken muss… aber… und warum eigentlich nicht?

Boah! Wie mich dieses Nützlich-Paradigma nervt.

Hauptsächlich nerve ich mich ja selbst damit.

Nutzen im Gabler Wirtschaftslexikon (Überraschung, ich habe es natürlich direkt nachgeschlagen):

„Nutzen

In der ökonomischen Haushalts- bzw. Nutzentheorie die Eigenschaft eines Gutes oder einer Dienstleistung ein bestimmtes Bedürfnis befriedigen zu können oder die potenzielle bzw. tatsächliche Befriedigung, die Konsumierende erfahren. In der Ethik findet manchmal ein weit gefasster Nutzenbegriff Verwendung, der etwa ein gutes Gefühl, soziale Achtung, individuelle Identität usw. umfasst; s. auch Utilitarismus.“

Ah! Da geht mir ein Licht auf.

Befinde ich mich bei dem Thema also wieder auf dem Terrain der wenn-dann-Deppenschleife. Außerdem empfinde ich es schon manchmal so, dass man als Mensch wie so ein deppes Konsumgut nur dann von Wert ist, wenn man Bedürfnisse befriedigt, ein gutes Gefühl macht, dafür soziale Achtung erfährt oder es der individuellen Identität reinspielt und man sich darüber definieren kann. Gefährlich. Auf einmal ist dieses hochkomplexe Wunderwesen Mensch nur noch seine Rollen und in denen nur so gut, wie eben nützlich. Und wenn man dann kein Feedback bekommt, produziert man sich quasi wie der Schwall ins All. Drum sind wohl auch Likes so beliebt und erbaulich. Weil man für das, was man da so produziert, wenigstens gewürdigt wird.

Aufstehen, Funktionieren, Einschlafen. Wiederhole.

Ich habe viele Jahre meines Lebens so zugebracht. War nicht gut. Mache ich manchmal immer noch. Aber so viel seltener. Und das ist gut so.

Ich will teilhaben an meinem Leben. Ich will mir Gedanken machen und sie austauschen, ich will Raum haben, einfach mal wahrzunehmen, ich will Dinge verstehen und gestalten – mein Leben wenigstens mitgestalten. Ich will teilhaben am Leben meines Mannes und meiner Kinder. Für all das habe ich lernen müssen aufzuhören, funktionieren zu wollen… und diese irre Phantasie, dass überhaupt irgendetwas oder irgendwer funktioniert oder gar kontrollierbar wäre. Mit Funktionieren und Kontrollieren ist das Leben angefüllt, aber doch jenseits von erfüllt. Dann bin ich beschäftigt, aber nicht gestaltend.

Eine der größten Herausforderungen am Ende einer Ära, die vom Funktionieren geprägt war, war mich der Leere zu stellen.

Funktionieren war spitzenmäßige Ablenkung. Ablenkung davon, dass das, was ich da tue, mir vielleicht gar nicht gut tut. Dass es überhaupt nicht das ist, was ich eigentlich will, dass es mich nicht nährt. Aber es war so schön konventionell, so wunderbar gesellschaftskonform, sorgte für Anerkennung und sozialen Status und ich wurde Erwartungen gerecht, die ich meinte, erfüllen zu müssen.

Wenn das alles wegfiele, dann täte sich ein Raum voller Fragen auf.

Was willst du eigentlich?

Was macht dir Freude?

Ich habe sie gehasst, diese Fragen.

Denn ich hatte keine Antworten.

Und schwupps, da war sie, die Leere…

Kaum auszuhalten. Weitermachen war nun aber genauso wenig auszuhalten, also erschien mir die Leere wenigstens als eine Möglichkeit.

Ich war es ganz und gar nicht gewohnt, nach so etwas wie „Freude“ zu fragen. Es kann unmöglich um Freude gehen. Ich habe gelernt, dass Leben etwas mit Anstrengung zu tun hat, dass erst die Arbeit kommt und dann das Vergnügen. Dass man Ziele braucht, sie zu erreichen als Erfolg gewertet wird und man dann neue Ziele braucht. Von Prüfung zu Prüfung, von Job zu Job, von Lebensentwurf zu Lebensentwurf. Nur eines kommt darin nicht vor: Zufriedenheit. Einfach mal dasitzen. Zu nichts nütze sein müssen. Nichts zu brauchen. Is gut so, wie es ist. Bin gut so, wie ich bin.

Essen ist gleich fertig. Gekocht wird hier zumeist von meinem Mann. Denn Kochen macht mir keine allzu große Freude – ihm schon.

Und du so? Was macht dir Freude?

Ich kichere insgeheim ein bisschen, weil ich ja weiß, dass diese Frage ein Arsch sein kann. Und gleichzeitig weiß ich einfach mittlerweile ganz genau, dass sie die Fähigkeit besitzt, Mauern einzureißen.

Und wenn du mal so weit bist, dass du die freudvollen Dinge in deinem Leben benennen kannst, bleiben ja immer noch diese pain-in-the-ass Tätigkeiten, die weit, weit jenseits von Freude existieren. Klo putzen zum Beispiel. Steuererklärung machen. So Zeug.

Sie einfach zu lassen, weil sie keine Freude einbringen, ist ja auch nicht die Lösung.

Dafür habe ich dann eine Frage für Fortgeschrittene:

Wo darin liegt Freude? Und du wirst überrascht sein, was dabei rauskommt. Und wenn es manchmal nur das gute Gefühl ist, wenn`s einfach gemacht ist. Sachen einfach mal machen, macht auch Freude. Und damit es nicht gleich wieder ins Funktionieren rutscht, denk dran: „Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hinzuschauen.“

Aufstehen, Leben leben, Einschlafen.
Und dann wieder von vorn.

Liebe ohne Ende,

Barbara

Barbara Sennert
Krafttier Faultier. Zaunreiterin. Reichlich Abenteuerlustig.

Meine Lieblingsfragen im Leben waren schon immer „Wer bin ich?“ und „Was tu’ ich hier?“.

Mein erster Blog titelte “Her mit dem schönen Leben!”.

Mit mir lässt sich gut tanzen und bis zum Morgengrauen durchquasseln über Gott und die Welt. Mit mir lässt sich auch gut wüten und zürnen. Ich mag Tacheles - offen, ehrlich und gerade heraus. Auf jeden Fall ist mit mir gut ankommen. Nicht erst, wenn... dann… Sondern jetzt gleich hier!

https://www.bq-sennert.de/barbara-sennert
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...von Zeugnis-Codes am Küchentisch, einem laminierten Blatt Papier und dem Unterschied zwischen bewertet werden und gesehen werden...