Frauen im Schatten

Es ist der 09.03.2026

Tag des intersektionalen Frauenstreiks. FLINTA* füllen Plätze in mehr als 80 Städten in ganz Deutschland.

Nürnberg, Lorenzkirche, ist unsere Destination. Meine Freundin und ich gehen auf die Lorenzkirche zu, deren Eingang wunderschön in der Sonne liegt und strahlt. Vor der Lorenzkirche: Niemand zu sehen außer einem Aufsteller mit kleinen Zetteln dran und zwei Menschen. Wir sahen uns verwundert an und befürchteten schon, dass hier absolut gar nichts los ist. Wir fragen einen Menschen mit Ordnerweste, ob wir denn hier richtig seien beim Frauenstreik. Und seine Antwort war erfreulich wie ernüchternd: „Ja, seid ihr! Die Kundgebung ist hinter der Kirche.“

Nicht im sonnigen Teil, auf dem die Marktstände stehen und die Menschen, die zufällig vorbeilaufen, irgendetwas davon mitbekommen könnten. Nein, hinter der Kirche, in ihrem Schatten! Wer dort nicht explizit hin will, bekommt von dem Anliegen der FLINTA* in diesem Land nichts mit.

Bezeichnend. Aber erst der Anfang der Geschichte.

Die Beiträge auf der Kundgebung sind allesamt berührend, machen wütend und unglaublich traurig. Während eines Beitrags, der mich ganz besonders beeindruckt hatte, begannen die Kirchenglocken zu läuten. Mitten in die Wut und die Anklage der Verhältnisse von Frauen aller Art auf deutschem Boden hinein, wirken sie unglaublich störend. Und sie läuten und läuten und läuten.

Als wollten sie uns erinnern, dass wir, die wir im Schatten der Kirche stehen, noch immer übertönt werden können. Soweit das subjektive Empfinden, doch das war immer noch nicht alles. Wer bisher noch nicht wütend war, darf das jetzt gerne werden. Das Läuten galt einer Andacht. Als die nächste Rednerin die Bühne betritt, stellt sie voran: „Wir müssen nun etwas leiser sein. Darum hat uns die Kirche gebeten, weil dort jetzt eine Andacht ist.“ Die Wut auf dem Platz war spürbar – und hörbar.

Wurden Frauen nicht lange genug dazu erzogen und angehalten, besser nicht so laut zu sein? Rücksicht sollten sie nehmen – schon immer auf alles, bis heute. Sich nicht so aufregen. Sich benehmen. Dafür waren wir doch hierhergekommen! Um gesehen zu werden! Um gehört zu werden! Ich kann gar nicht ausdrücken, wie unfassbar wütend mich das machte und noch immer macht.

So standen wir draußen, im Schatten der Kirche, 500 von uns. 500 die es trotz Arbeit, Haushalt, Kinder, Psyche, totalem Alltagsoverload dorthin geschafft hatten. Ich selbst hatte am Morgen noch lohngearbeitet, meine Tochter direkt nach der Schule zu meinem Mann auf die Arbeit gebracht, um mit meiner Freundin dann 75km nach Nürnberg zu fahren und Stellung zu beziehen.

Und dann stehe ich auf dem Lorenzplatz hinter der Kirche und selbige bittet uns Frauen um Ruhe. Was für eine Farce!

Während drinnen eine Andacht für was auch immer abgehalten wurde, gedachten wir draußen zur selben Zeit der Frauen, die ermordet wurden und jeden Tag werden. Ja, in Deutschland!
Fast täglich wird eine Frau getötet, alle drei Minuten sind Frauen Opfer von häuslicher Gewalt*. Und über digitale Gewalt müssen wir dringend noch reden! Die kommt hier noch nicht einmal vor in den Zahlen. Überhaupt ist es nur legitim, eine Dunkelziffer mitzubedenken, denn die Scham ist zu oft zu groß und die Unterstützung und der Rückhalt auch und vor allem der Institutionen zu klein.

Wir stehen also da, vor dem Bayerischen Staatsministerium der Finanzen und für Heimat, im Rücken die Kirche und gedenken all der toten und geschändeten Frauen und ich fühle mich verhöhnt – vom Glockengeläut und dieser abstrusen Bitte, leise zu sein. Von einer evangelisch-lutherischen Kirche hätte ich mir mehr erhofft. Wo ist der Geist der Reformation, wenn man ihn braucht? Warum verlegt man nicht einfach die Andacht nach draußen und gedenkt der ermordeten Frauen gemeinsam? Nun denn, der Zug ist abgefahren. Der Eindruck bleibt.

Wir leben in Deutschland und es sterben im Jahr mehr Frauen durch Gewalt als zu Zeiten der Hexenverbrennung. Dieser Hass auf den Teil der Menschheit, ohne die kein Mensch überhaupt auf diesem Erdboden wandeln würde. Diese ewige Ausbeutung, Geringschätzung von mehr als der Hälfte der Bevölkerung. Und nicht irgendwo in Asien oder Afrika, nein, mitten in Europa. Wo wir immer noch kämpfen müssen, weil man(n) der Frau selbst während der französischen Revolution und der Aufklärung lieber den Kopf abgeschnitten hat, als ihr Rechte auf ein selbstbestimmtes Leben und Schutz zuzusprechen.

Wir sind hier noch lange nicht fertig. Hier ist gar nichts gleich und schon gar nicht gerecht.

Es braucht dringend mehr Anerkennung, mehr Wertschätzung, Respekt und Anstand – gesellschaftlich und institutionell gesichert.

Ich danke von Herzen dem Orga-Team sowohl vom #töchterkollektiv als auch allen, die den intersektionalen Frauenstreik in Nürnberg an diesem Tag möglich gemacht haben! Vielen, vielen Dank.

Liebe ohne Ende
Barbara

* Quelle: bmi/ https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/kurzmeldungen/DE/2024/11/lagebild-gewalt-gg-frauen.html

Barbara Sennert
Krafttier Faultier. Zaunreiterin. Reichlich Abenteuerlustig.

Meine Lieblingsfragen im Leben waren schon immer „Wer bin ich?“ und „Was tu’ ich hier?“.

Mein erster Blog titelte “Her mit dem schönen Leben!”.

Mit mir lässt sich gut tanzen und bis zum Morgengrauen durchquasseln über Gott und die Welt. Mit mir lässt sich auch gut wüten und zürnen. Ich mag Tacheles - offen, ehrlich und gerade heraus. Auf jeden Fall ist mit mir gut ankommen. Nicht erst, wenn... dann… Sondern jetzt gleich hier!

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